• Warum kommen Allergien so häufig vor?

    Bei Menschen, Hunden, Katzen und Pferden treten in den letzen Jahrzehnten Allergien in den Körperbereichen Haut, Atemwege, Lidbindehäute und Magen/Darm zunehmend häufiger auf.

     

    Woher kommt das?

    Die Zunahme von allergischen Erkrankungen betrifft vor allem Menschen und Tiere in den hoch entwickelten Ländern Europas, Nordamerikas und in Japan. Welche Umstände der hoch zivilisierten Lebensweise bewirken Allergien? Zu dieser Frage gibt es immer mehr Forschungen, die neue Einsichten zu diesem Thema liefern. In diesem Text wird die bei Menschen und Hunden häufigste Allergie, die atopische Dermatitis (im Weiteren AD abgekürzt) besprochen. Diese Krankheit hat bei diesen beiden Spezies erstaunlich viele Ähnlichkeiten, im Folgenden wird diese Allergie von Zwei- als auch Vierbeinern nebeneinander erörtert. Ein Grund dafür ist auch, dass bei Menschen mehr und bessere wissenschaftliche Studien gemacht wurden als bei Hunden. Die Grundlagen anderer Allergien wie z.B. die auf Futtermittel oder Flohbisse sind weniger gut erforscht.

  • Was passiert bei allergischen Hauterkrankungen?

    Zum besseren Verständnis beginnen wir damit, was im Organismus eines an der atopischen Dermatitis (AD) erkrankten Hundes oder Menschen abläuft. Der Körper reagiert mit Entzündungen und Juckreiz meistens auf feine Bestandteile aus der Umwelt, die auf die Haut gelangen (Hausstaubmilbenpartikel, Pollen, Tierhaare und -schuppen, Schimmelpilzsporen). Die allergische Entzündung wird vom spezifischen Immunsystem hervorgerufen, welches eigentlich die Aufgabe hat Krankheitserreger zu beseitigen, die den Körper infiziert haben und sich hier vermehren wollen (Viren, Bakterien, Pilze, Parasiten). Das spezifische Immunsystem des Körpers ist ein komplexes Funktionsnetzwerk aus verschiedenen Abwehrzellen und biochemischen Stoffen, es erkennt eingedrungene Erreger individuell und tötet diese dann wirksam und gezielt ab. Außerdem wird eine Erinnerungsfunktion eingerichtet – wenn dieser gleiche Erreger später noch mal in oder auf den Körper gelangt, antwortet das Immunsystem viel schneller und effektiver als beim ersten Befall, so dass keine Krankheitsbeschwerden mehr entstehen. Dies nennt man spezifische Immunität, beim Hund z.B. gegen Staupe oder Coronaviren („Darmgrippe“), beim Menschen z. B. gegen Masern oder Röteln.

     

    Bei Allergien begeht das Immunsystem den Irrtum auf normale, ungefährliche Bestandteile in der Umgebung (Allergene) zu reagieren als wären es Krankheitserreger.Diese Reaktionen sind auch spezifisch, z.B. auf Bestandteile der Hausstaubmilbenart Dermatophagoides farinae, Gras-, Birkenpollen oder bei der Futtermittelallergie z.B. auch auf Proteine aus Rindfleisch oder Weizen. Die Erinnerungsfunktion ist auch immer beteiligt, wenn Tier oder Mensch eine spezifische Überempfindlichkeit hat, bleibt diese oft bestehen oder verstärkt sich sogar.

     

    Beginnen wir nun stückchenweise, welche Fakten und Vermutungen es heute gibt, die die Ausgangsfrage nach dem Grund der Entstehung von Allergien beantworten können.Bei der Entstehung der AD spielen unter anderem Proteasen eine Rolle, das sind biochemische Stoffe (Enzyme), die Eiweiß aufspalten. Bei einer für den Organismus tatsächlich bedrohlichen Infektion der Haut setzen die mikrobiellen Erreger gezielt Proteasen frei, um die aus Eiweiß bestehenden Abdichtungsschichten der Hautoberfläche anzugreifen und zu durchdringen. Hausstaubmilbenkot und viele Pollen enthalten auch Proteasen, die die Hautoberfläche schädigen. Die Milben und Pollen brauchen ihre Proteasen eigentlich für ganz andere Zwecke, aber in den Effekten dieser Enzyme auf der Haut scheint auch ein Grund für die Auslösung der irrtümlichen Immunreaktion zu liegen.

  • Einflüsse der Vererbung bzw. Genetik

    In vielen Fällen ist nachgewiesen, dass eine genetische Veranlagung zur Entwicklung einer Allergie vererbt wird. Bei Hunden ist dies besonders deutlich, bei bestimmten Rassen (z.B. Golden Retriever, Westhighland Terrier, Shar Pei, deutscher Schäferhund) tritt die atopische Dermatitis (AD) gehäufter auf als bei anderen Rassen oder Mischlingen. In menschlichen Familienstammbäumen kann man die Vererbung einer Allergieveranlagung klar erkennen.

     

    Bei den molekulargenetischen Forschungen der letzten Jahre sind zahlreiche Gene (bestimmte Abschnitte im Erbgut) bei Hunden und Menschen gefunden worden, die bei einem Defekt (Mutation) die Entstehung der AD hervorrufen können.

     

    Diese Gene sind funktionell beteiligt bei der körperlichen Heranbildung

    - der normalen Barriere bildenden Struktur der oberflächlichen Haut (Epidermis)

    - der unspezifischen Mikroben-Abwehrmechanismen der Haut

    - der Steuerung des spezifischen Immunsystems im Körper

     

    Sehr klar ist die Bedeutung der Filaggrin-Gendefekte beim Menschen. Die meisten Träger dieser Mutationen entwickeln eine AD. Filaggrin ist ein Eiweißstoff der die Hornzellen der dünnen, ganz oberflächlichen Hautschichten zu einem abdichtenden Netz verknüpft, wie die Nähte einer Patchwork-Decke. Wenn dies nicht richtig ausgebildet ist, wird die Haut durchlässiger und trocknet aus. Dadurch können Bestandteile z.B. von Hausstaubmilben oder Pollen in die Haut eindringen und hier in Kontakt mit Zellen des Immunsystems kommen, woraus sich dann eine allergische Überempfindlichkeitsreaktion entwickelt. Bei vielen anderen Gendefekten ist der Zusammenhang zur Ausbildung einer AD undeutlicher. Man kann Träger eines einzelnen Defektes sein und nicht Allergiker werden und man kann allergisch werden ohne bestimmte Gendefekte zu besitzen.

     

    Kann man das gehäufte Auftreten von Allergien nun auf veränderte Gene in der zivilisierten Gesellschaft zurückführen?

     

    Bei Hunden ist das sehr wahrscheinlich, viele der zur AD veranlagten Rassen wurden vor 100 bis 150 Jahren so auf das charakteristische Erscheinungsbild gezüchtet, das wir heutzutage kennen, und dabei wurde auch auf eine besondere Haut- und Fellbeschaffenheit selektiert. Viele Dermatologen nehmen an, das damit auch strukturelle Veränderungen bzw. Schwächen der Haut weitervererbt und vermehrt wurden. Die Disposition bestimmter Rassen für AD ist ein deutlicher Hinweis für diese Annahme.

     

    Bei Menschen könnte man folgendermaßen spekulieren: In früheren Zeiten oder in weniger entwickelten Regionen der Welt war oder ist die Kindersterblichkeit höher als heutzutage in westlichen Ländern. Man könnte sich vorstellen, dass eher die Kinder an Krankheiten sterben die vererbte Defekte der Hautstruktur, der Abwehrmechanismen der Haut und des Immunsystems tragen. Soweit ich weiß, gibt es dafür aber keinen Nachweis.

  • Hygienehypothese

    Es wurden eine Reihe von Studien in der menschlichen als auch in der Hundebevölkerung durchgeführt, die den Zusammenhang zwischen unterschiedlichen Lebensumständen und dem Auftreten von AD untersuchten. Dabei wurden einige eindeutige Hinweise auf Auslösefaktoren gefunden:

     

    Menschen haben seltener AD, wenn die Personen in ihren ersten Lebensjahren

    - auf dem Land lebten

    - mit Kontakt zu landwirtschaftlichen Tieren oder Hunden aufwuchsen

    - früh in den Kindergarten kamen

    - ältere Geschwister hatten

     

    Menschen haben häufiger AD, wenn die Personen in ihren ersten Lebensjahren       

    - in der Stadt lebten

    - nicht im Kindergarten waren

    - keine Geschwister in der Familie hatten (Einzelkinder, Erstgeborene)

    - oft mit Seife gewaschen wurden

    - als Säuglinge oder sogar nur ihre Mutter vor der Geburt mit Antibiotika behandelt wurden

    - Katzen als Mitbewohner im Haushalt hatten

     

    Hunde haben seltener AD, wenn sie von Welpenalter an

    - auf dem Land lebten

    - in der Nähe von landwirtschaftlichen Tieren oder mit anderen Hunden und Katzen lebten

    - vom Besitzer selbst zubereitetes Futter zu fressen bekamen

     

    Hunde haben häufiger AD, wenn sie von Welpenalter an

    - in der Stadt lebten

    - als einziges Tier im Haushalt lebten

    - oft shampooniert wurden

    - als Saugwelpen oder sogar nur ihre Mutter mit Antibiotika behandelt wurden

    - Fertigfutter zu fressen bekamen

     

    Aus diesen und weiteren Daten wurde die inzwischen weitgehend anerkannte Hygienehypothese entwickelt, sie lautet etwas vereinfacht: Wenn das Immunsystem des Körpers sich im Wachstum nur wenig mit Viren, Bakterien und Parasiten auseinandersetzen muss, dann beginnt es, auf in der Umgebung vorhandene Stoffe (Allergene) zu reagieren, z.B. Bestandteile von Hausstaubmilben.

     

    Kinder die „unhygienischer“ leben, haben häufiger Kontakt mit neuen, ihren Körper besiedelnden Mikroorganismen. Das ist der Fall wenn sie viel draußen, noch intensiver auf einem Bauernhof mit Tierhaltung spielen, oder wenn der Familienhund ihnen öfter über Gesicht und Hände leckt, die Hundezunge ist sehr bakterienreich. Wenn Kinder oft Kontakt mit anderen Kindern haben, stecken sie sich häufiger mit neuen Krankheiten an. Sie bekommen aber auch öfter andere, dem Körper bisher unbekannte Mikroorganismen an die Hände, ohne dass die Kinder davon erkranken. Für das Immunsystem sind aber auch diese Mikroben eine neue Beschäftigung.

     

    Hygienischer, mit weniger Keimberührung lebt man als Kind in der Wohnung, ohne Kontakt zu Tieren und wenn man seltener auf andere Kinder trifft. Häufiges Waschen reduziert die Keimbesiedlung auf der Haut und schädigt auch noch deren strukturell wichtige Fettschicht. Antibiotikabehandlungen wirken nicht nur gegen die Krankheitserreger, sondern reduzieren die gesamte Mikrobenflora im Darm und auf der Haut. Katzen die mit im Haushalt leben laufen im Gegensatz zu Hunden vor Kindern meist lieber weg, und belecken die kleinen Mitbewohner nicht. Außerdem lösen Katzenhautschuppen und -haare selbst oft Allergien aus, sie sind bei Menschen häufig vorkommende Allergene.

     

    Die Faktoren, die in der vorangegangenen Auflistung Hunde vor der Entstehung einer AD schützen sind auffällig ähnlich mit denen bei Kindern, es ist bei beiden Spezies der häufige Kontakt mit bisher unbekannten Mikroorganismen. Genau gegensätzlich bei Welpen und Kindern ist nur der Aspekt Zusammenleben mit Katzen. Eine Erklärung kann sein, dass Hunde gerne mal - sehr bakterienhaltigen - Katzenkot als willkommene, aromatische Zwischenmahlzeit zu sich nehmen. Selbstgemachtes Hundefutter hat einen gewissen Bakteriengehalt, besonders wenn es den Knochen zum Knabbern oder rohe Fleischteile gibt. Handelsübliches Dosen- und Trockenfutter für Hunde ist praktisch keimfrei. Die Bedeutung der Ernährung bei Menschen wird noch weiter unten in einigen Absätzen behandelt.

     

    Zur Frage ob Parasitenbefall vor Allergien schützt gibt es eine interessante, großangelegte Studie bei Menschen. Diese wurde in Zentralafrika, wo verschiedene Wurmbefall-Erkrankungen häufig vorkommen, bei über 2000 kleinen Kindern und deren Müttern durchgeführt. Es wurde ein Programm aufgelegt mit gruppenweise unterschiedlichen Entwurmungsbehandlungen mit zwei Medikamenten bei den Säuglingen und bei deren Müttern. Das Hauptaugenmerk der Studie war eigentlich auf die gesundheitlichen Vorteile der Parasitenbehandlungen gerichtet, es zeigte sich aber eine deutliche Häufung bezüglich des Auftretens von AD bei den Kindern bis zum Alter von zwei Jahren. Diese Krankheit kannte man in dieser Gegend vorher kaum. Die AD trat bei Kindern, die zwei Entwurmungsmittel erhalten hatten, eindeutig vermehrt auf als bei Unbehandelten. Am höchsten war die AD-Häufigkeit aber bei den Kindern, deren schwangere Mütter einige Monate vor der Geburt die Wurmmittel bekommen hatten. Man kann hieraus auch ablesen, wie früh im Leben, bereits im Mutterleib, die Programmierung des Immunsystems beginnt. Soweit Entwurmungsbehandlungen und Auftreten der AD bei Hunden untersucht wurde, konnte keine Häufung festgestellt werden, die Studien waren aber nicht so groß und gründlich angelegt wie die bei den afrikanischen Kindern.

     

    Die Immunsysteme von Menschen und Tierenhaben sich in vielen Jahrtausendenan die Umgebungsbedingungen angepasst damit diese Lebewesen Angriffe von Infektionserregern überstehen können. Seit vor etwa 150 Jahren erkannt wurde, dass Infektionskrankheiten von Mikroorganismen ausgelöst werden, die man u. a. durch Hygienemaßnahmen abtöten oder fernhalten kann, geht es in vielen Lebensbereichen immer sauberer, gereinigter und keimreduzierter zu. Das ist auch ein Grund warum viele dieser Seuchen heute so gut wie ausgerottet sind. Noch vor achtzig Jahren erkrankten und starben auch in Deutschland viel mehr Menschen und Tiere an schweren Infektionskrankheiten als heute. Wie es aussieht, muss ein Teil unserer Mitmenschen und Tiere für diesen schönen Zustand hinnehmen, an „übermütigen“ Immunreaktionen, nämlich Allergien, zu erkranken.

  • Kann man mit diesen Erkenntnissen bei allergischen Erkrankungen helfen?

    So mancher an AD erkrankte Hund profitiert davon, wenn man bei seiner Fütterung den Fleischanteil roh anbietet, das muss aber nicht zwangsläufig an dessen Keimgehalt liegen. Es wurden Untersuchungen mit AD betroffenen Hunden gemacht, denen lebende Larven des parasitären Peitschenwurms eingegeben wurden. Einige Hunde es waren dies hochgradig von Allergiesymptomen betroffene Tiere – zeigten eine erstaunlich gute Juckreiz- und Entzündungsbesserung. Beim Vergleich der gesamten behandelten Gruppe mit der Placebogruppe war der Effekt aber nicht zu messen, so dass diese Methode nicht als Therapie für AD empfohlen wurde. Bei Menschen wurden vergleichbare Versuche mit Peitschenwurmlarven vom Schwein durchgeführt mit ähnlichen Resultaten. Vielen atopischen Hunden kann man mit regelmäßigem Shampoonieren sehr gut helfen, dies ist in gewisser Weise das Gegenteil der Studienergebnisse, dass häufiges shampoonieren eine AD entstehen lassen kann.

     

    Momentan sieht es so aus, dass eine „unhygienischere“ Lebensweise bei bereits erkrankten Patienten meistens nicht der entscheidende Schlüssel zum Erfolg ist. Wenn Hund oder Mensch an AD erkrankt sind, laufen schon längst die komplexen Wirkungsketten ab mit Hautschädigungen durch Kratzen sowie Infektionen und fortwährenden immunologischen Überreaktionen. Bei vielen Hunden und Menschen führt dies zum Fortschreiten der klinischen Symptome, bei Humanallergologen kann man mal das unschöne Wort „allergische Karriere“ hören. Erfolgreich bei der schon bestehenden AD-Erkrankung sind verschiedene, die Immunreaktion modulierende Medikamente, Fütterungs- und Hautpflegemaßnahmen sowie Allergenvermeidung.

     

    Wenn man unsere hygienische Lebensweise überdenken möchte, sollte man die frühen Lebensphasen der Menschen und Tiere in den Blick nehmen, einschließlich der Zeit im Mutterleib. Zu dieser Zeit lässt sich das Immunsystem so vorprogrammieren, dass eine AD erst gar nicht entsteht. Man nimmt hier möglicherweise ein zweischneidiges Schwert in die Hand, mit Hygienemaßnahmen vermeidet man auch schlimme Infektionen. Niemand sehnt sich zurück in Zeiten, wo Typhus, Tuberkulose, Hepatitis, Kinderlähmung, Spulwurmbefall oder Krätze unter den Menschen grassierten. Man sollte jede „unhygienische“ Änderung der Lebensweise so realistisch wie möglich auf die Risiken abwägen.

     

    1. Beispiel:
    Der Hund leckt dem Kleinkind über Mund und Hände. Die Hundezunge ist voll mit Bakterien, die dann erstmal die Haut und Mundschleimhaut des Kindes besiedeln – eine wirksame AD-Prophylaxe. Dass das Kind davon krank wird ist ziemlich selten, es existieren aber auch Horrorgeschichten von in die Netzhaut des Auges gewanderten Hundespulwurmlarven oder Durchfallerkrankungen durch Giardien (einzellige Darmparasiten des Hundes). Diese Erkrankungen sind auch selten, zudem wird eher Katzenkot im Sandkasten als übliche Ansteckungsquelle vermutet. Es ist nicht einfach hier eine strikte Empfehlung auszusprechen.

     

    2. Beispiel:
    Soll man eine tragende Hündin, die leichte AD hat, entwurmen? Und soll man deren Welpen von klein auf alle 2 Wochen Wurmpaste geben? (Eine Hündin mit ausgeprägter AD soll wegen Weitervererbung gar keine Welpen haben!) Leichter, unsymptomatischer Wurmbefall ist möglicherweise eine sehr gute AD-Prophylaxe für die jungen Hunde. Sie können aber auch durch den Wurmbefall krank werden. Es gibt bei diesen Überlegungen viele unterschiedliche Aspekte, die man als Hundehalter bei Interesse mit dem Tierarzt besprechen sollte.

     

    Dieses Thema ist doch ziemlich unappetitlich! In der Medizin wird schon nach Alternativen gesucht. Es wurden Studien durchgeführt, bei denen die schwangeren Mütter und die Neugeborenen Probiotika einnahmen. Dies sind Bakterien, die im Darm anhaften und sich vermehren ohne den Körper zu schädigen, sondern für die Gesundheit positive Effekte entfalten können. Es zeigte sich, dass dadurch das spätere Auftreten von AD bei den Kindern deutlich reduziert wurde. Bei einem experimentellen Versuch in den USA bekamen Hunde im Alter von 3 Wochen bis 6 Monaten probiotische Lactobacillen. Später wurden bei Ihnen AD ausgelöst und die Symptome fielen bei diesen Tieren geringgradiger aus als bei der Kontrollgruppe. Verschiedene immunologische Labormesswerte waren bei diesen Tieren besser als bei denen, die keine Lactobacillen erhalten hatten.

     

    Soll man den Welpen nun gleich Actimel-Joghurt geben? Die Ergebnisse dieser wenigen Studien sind vielversprechend, aber bei Probiotikaverabreichung sollte man Bakterien verwenden, die für die bestimmte Tierart zugelassen sind. Dafür wird getestet, ob dieser bestimmte Bakterienstamm sich auch wirklich bei dieser Tierspezies an der Darmoberfläche anhaftet und sich vermehrt. In der Tiermedizin werden Probiotika übrigens auch therapeutisch eingesetzt und zwar bei Darmentzündungen.

  • Einfluss der Ernährung

    Bei einer großen Studie bei Menschen in der Umgebung von Stockholm wurde festgestellt, dass Kinder aus anthroposophischen Familien seltener an AD erkranken. Dies wurde auf die Ernährung zurückgeführt, wobei ich auch noch andere ursächliche Faktoren für möglich halte. Bei einer großen Studie mit schwedischen Hunden trat AD seltener auf bei Hunden, die zusammen mit ihren säugenden Müttern mit von den Züchtern Selbstzubereitetem gefüttert wurden. Hunde, die in den entsprechenden Lebensphasen handelsübliches Dosen- oder Trockenfutter bekamen, entwickelten später häufiger eine AD.

     

    Eine bereits erörterte mögliche Ursache kann ein höherer Keimgehalt von rohen Nahrungsmitteln sein. Anthroposophen achten darauf, dass sie ihre Nahrung möglichst in ihrem Ursprungszustand belassen zu sich nehmen. Nicht erhitzte Rohmilch z.B. enthält kleine Mengen eines Bakteriencocktails aus dem Kuhstall der sich wunderbar als AD-Prophylaxe eignet. Handelsübliche Milch wird schon seit über sechzig Jahren pasteurisiert (Keimabtötung durch Erhitzen), unter anderem dadurch wurde die Übertragung übelster Infektionskrankheiten (Tuberkulose, Brucellose) von den Kühen auf Menschen gestoppt.

     

    Ein anderer Unterschied zwischen anthroposophischer und sonst heutzutage üblicher Nahrung bei Menschen sowie zwischen Fertig- und selbstzubereitetem Hundefutter besteht in der Verdaulichkeit. Mit diesem Begriff wird bezeichnet, wie schnell und wie vollständig der Darm die aufgenommene Nahrung enzymatisch aufschließen, dann als Nährstoffe resorbieren und dem Körper zuführen kann. Bei üblicher Ernährungsweise und Fertigfutter für Hunde ist die Verdaulichkeit deutlich höher, die Zutaten wurden bei der Herstellung intensiv zerkleinert und z.B. durch hohe Erhitzung schon vorher aufgeschlossen – im Gegensatz zu anthroposophisch orientierter Ernährung und selbstzubereitetem Futter. Der Körper von Kindern und Welpen wertet die übliche Nahrung – die oft auch noch zu viele Kalorien und Fett sowie zuwenig Ballaststoffe enthält – also sehr schnell und einfach aus. Die Folge ist ein schnelleres Wachstum und Entstehung von Übergewicht. Humanallergologen vermuten, dass auch dieser Teil der hoch zivilisierten Lebensweise eine weitere Ursache für das gehäufte Entstehen von AD ist. Ich habe viele Hunde heranwachsen sehen und vermute diesen Zusammenhang auch für diese Tierart.

  • Einflüsse von Nervensystem und Psyche

    In den letzten Jahren gab es interessante Untersuchungen, wie das Nervensystem an der Entstehung der allergischen Symptome beteiligt ist. Juckreiz ist ein sehr wichtiger Bestandteil bei AD. Die Auslösung von Juckreiz findet nicht nur in der allergisch entzündeten Haut statt. Es sind unterschiedliche Strukturen des Nervensystems beteiligt einschließlich Rückenmark und Großhirnrinde, also auch der höchstentwickelten Gehirnabschnitte.

     

    Nerven haben Verbindung zu bestimmten Zellen des Immunsystems und können diese zur Ausschüttung_ juckreizauslösender Substanzen stimulieren. Bei mikroskopischen Untersuchungen von allergisch entzündeter Haut wurde entdeckt, dass in ihr vermehrt kleine Nerven gewachsen sind, sogar in ganz oberflächliche Schichten wo sie in gesunder Haut nicht vorkommen.

     

    Bei Menschen verschlimmern sich AD-Symptome und allergisches Asthma häufig in Stress-Situationen. Bei Diensthunden mit AD konnte die Dosierung von antiallergischen Medikamenten reduziert werden, wenn sie nicht mehr in ausgesprochen stressvollen Arbeitssituationen eingesetzt wurden. In der erwähnten Studie aus Schweden trat AD seltener bei den Hunden auf, die täglich im Wald spazieren gingen.

     

    Wenn man sich die statistisch eindeutige Zunahme von stressbedingten Erkrankungen bei Menschen vor Augen hält, kann man auch einen Zusammenhang mit dem vermehrten Auftreten von AD vermuten. Für Hunde ist Laufen im Wald sicher ein hervorragender Stressabbau und einfach das Gegenteil der Stressfaktoren: Langeweile, Unterforderung und Bewegungsmangel.

     

    Es klingt in den Ohren von wissenschaftlich arbeitenden Immunologen sicher verwegen, aber als Praktiker denke ich manchmal: „Sind allergische Reaktionen eigentlich ausschließlich irrtümliche, krankhafte Mechanismen des Körpers, gibt es nicht Anteile in diesem komplexen Geschehen, die für den Organismus als eine zielgerichtete Hilfe für sein Leben erfunden wurden?“ Wenn in stressvollen Situationen eine Überempfindlichkeits-Reaktion gegen die vorhandenen Bestandteile der Umgebung einsetzt, könnte man dies auch als Warnsignal verstehen: „Wir sollten das hier vermeiden!“

     

    Wie Sie beim Lesen dieser Seiten bemerkt haben, gibt es in der Allergieforschung noch viele ungeklärte Fragen. Wir sind gespannt, welche neuen Einsichten in fünf oder zehn Jahren dazugekommen sein werden.

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